Das Innsbrucker Riesenrundgemälde Die Schlacht am Bergisel 1809 aus dem Jahr 1896 ist heute eines der bedeutendsten Kulturdenkmäler der Stadt. Dennoch wird es von vielen noch immer als simple Touristenattraktion abgetan oder aufgrund seines Darstellungsinhalts als Hort der Tiroler Reaktion geschmäht. Betrachtet man das Panorama jedoch aus einer medialen Perspektive und im internationalen Kontext, so ergibt sich daraus ein spannendes Stück Kulturgeschichte, das für das Verständnis unserer heutigen Bildkultur von großer Bedeutung ist. Umso verwunderlicher scheint es deshalb, daß im Kontext einer kulturellen Wiederentdeckung der Berge - man denke an die drei Ausstellungen Schwerkraft der Berge, Alpenblick und Über die Berge - das Panorama als das visuelle Paradigma für die Herausbildung eines modernen Blicks auf die Landschaft bis dato übersehen wurde. Nicht zuletzt steht auch das aktuelle Bergpanorama der Tirol Werbung in dieser kulturgeschichtlichen Tradition, die eine allumfassende Sicht des Horizonts zu einer allgemeinen Welthaltung erhebt. Der Erfolg des Unternehmens Riesenrundgemälde ist eng mit der Erfolgsgeschichte des Tirol Tourismus verbunden. Die Initiatoren des Panoramas kamen aus dem Umfeld der beginnenden Fremdenverkehrswerbung im ausgehenden 19. Jahrhundert. Ein Jahrhundert nach seiner Entstehung gehört die Besichtigung des Riesenrundgemäldes noch immer zum touristischen Pflichtprogramm der Alpenstadt. Über 100 000 Besucherinnen und Besucher strömen jährlich in die Rotunde am Inn, um eines der letzten original erhaltenen Panoramen der Welt zu bestaunen. Umgeben von 1000 m2 Leinwand und einer künstlich begrünten, mit musealen Objekten angereicherten Landschaft (faux terrain) befindet sich der Betrachter auf einer Plattform inmitten der Tiroler Unabhängigkeitskriege des Jahres 1809. Vor dem sublimen Hintergrund der Tiroler Nordkette tobt die Bergisel-Schlacht am Abend des 13. August 1809, in der es einem Tiroler Volksaufgebot unter der Führung von Andreas Hofer gelingt, die militärisch überlegenen napoleonischen und bayerischen Besatzungstruppen zu besiegen. Die besondere Bedeutung des Innsbrucker Riesenrundgemäldes liegt im Vergleich zu anderen panoramatischen Bildern in einer geradezu idealtypischen Verknüpfung der beiden klassischen Genres von Landschaftsmalerei und Historienmalerei. Doch sowohl die pittoreske Naturdarstellung (der Blick auf Wilten und die Stadt Innsbruck im Hintergrund) als auch die mit Patriotismus angereicherte Schlachtenschilderung sind Rückprojektionen des ausgehenden 19. Jahrhunderts auf eine vermeintlich intakte, von den industriellen Negativerscheinungen noch weitgehend verschonte Heimat, die es zu erhalten und notfalls auch mit Waffengewalt zu verteidigen gilt. Das Innsbrucker Panorama ist in diesem Sinne nicht nur eine Besänftigungslandschaft (Hermann Bausinger) zur Kompensierung von Modernitätserscheinungen, sondern gleichzeitig ein von Heroen und potentiellen Feinden bevölkertes Schlachtfeld nationaler und lokaler Identitätsstiftung. Die statische Landschaftskulisse und die dynamische Ereignisdarstellung verbinden sich zu einem Dispositiv, das den Betrachter unweigerlich in das historische Geschehen miteinbezieht. Die Erfindung des Panoramas markiert einen deutlichen Bruch mit dem seit der Renaissance dominierenden Darstellungsmodell des zentralperspektivischen Tafelbildes. Im Panorama gibt es keinen idealen Betrachterstandpunkt mehr, sondern noch eine Verschmelzung von multiplen Zentralperspektiven. Der Betrachter tastet mit seinem Blick das zirkulare 360-Bild ab und bewegt sich dabei mit seinem Körper sozusagen in der virtuellen Bildrealität. Er soll dadurch vom kontemplativen Betrachter zum anteilnehmenden Akteur gemacht werden. Durch seine Verbindung von Kunst und Technik im Kontext neuer physiologischer Erkenntnisse kann das Panorama als paradigmatisch für das neue Sehen im 19. Jahrhundert betrachtet werden. Metaphorisch gesprochen ist die Plattform eines Panoramas der ideale, weil identitätsstiftende Versammlungsraum für einen Versuch des Zusammenhaltens zentrifugaler gesellschaftlicher Kräfte im sozialen, politischen, kulturellen und religiösen Bereich. Die Sehmaschine Panorama lenkt dabei den Blick in eine ganz bestimmte Richtung. Sie formt eine konkrete Geschichtsvision, indem vage Vorstellungen vom historischen Geschehen in eine konkrete bildliche Darstellung des Realen gegossen wird. Die doppelte - topographische und historiographische - Rekonstruktion verbindet dabei die Spannungsfelder von Geschichte und Erinnerung, von realistischer Darstellung und Idealisierung und mündet schließlich in eine Art Gedächtnislandschaft, deren Funktionsweisen in der einhundertjährigen Rezeptionsgeschichte jeweils sehr unterschiedlich reaktiviert wurden. Während viele Zeitgenossen wie Peter Rosegger von der mimetisch exakten Umsetzung des panoramatischen Blicks vom Bergisel fasziniert waren, wurde die historisch-politische Vereinnahmung des Schlachtenpanoramas vor allem in den beiden Weltkriegen deutlich. Bis in die Gegenwart scheint das Panorama der Schlacht am Bergisel jedenfalls ein schier unerschöpfliches Reservoir für die Befriedigung von Sehnsüchten, aber auch für die radikale Ablehnung ganz bestimmter Vorstellungen von einer Heimat Tirol zu bieten. Insofern ist dieses bedeutende Kunstwerk, das erst 1974 unter Denkmalschutz gestellt wurde, mehr ein Spiegelbild der Selbstvergewisserung einer sich im Umbruch befindlichen Gesellschaft, als die reale Abbildung historischer Ereignisse. Daran ändert auch der durch eine raffinierte Lichtregie erzeugte Hyper-Realismus der Darstellung nichts; ja er verschleiert geradezu die inszenatorische Wirkung der Panoramenmalerei, eine Wirkung, die auch und gerade im Zeitalter der neuen Medien nichts von ihrer Faszination eingebüßt hat. Auszüge aus einem Beitrag für die Zeitschrift Saison (Mai 1998)